Deutschland am digitalen Scheideweg

Von Tim Cole

Wie Deutschland die digitale Zukunft zu verschlafen droht und was jetzt zu tun ist.

Am Übergang von der analogen zur digitalen Wirtschaft sind es zwei Erkenntnisse vor allem, die Managern und Unternehmern bewusst sein müssen. Erstens, alles, was sich digitalisieren lässt, wird auch irgendwann digitalisiert werden. Zweitens, alles, was sich vernetzten lässt, wird irgendwann vernetzt werden. Diese beiden Trends führen zusammen zu grundlegender Veränderung von Unternehmensprozessen, von Unternehmens­kommunikation, von Fertigung und Logistik, von Mitarbeiterführung sowie für die Arbeitsorganisation – kurzum: kein Bereich unserer Unternehmen wird verschont bleiben.

Deutsche Unternehmen in der digitalen Steinzeit

Diese Erkenntnis ist nicht besonders neu: Schließlich vernetzen und digitalisieren wir seit mindestens 20 Jahren, nämlich seitdem das Internet aus seiner Frühphase als studentische Ulkveranstaltung hinausgetreten ist in den Unternehmensalltag. Man sollte also meinen, dass Manager sie längst verinnerlicht haben und zielstrebig dabei sind, ihre Unternehmen in die digitale Neuzeit zu überführen.  

Weit gefehlt! Wer ganz genau hinschaut, muss erstaunt feststellen, dass im deutschen Unternehmensalltag teilweise noch digitale Steinzeit herrscht. Noch immer verschicken die meisten Firmen Rechnungen auf Papier! Post wird ungeöffnet vom Büroboten durch die Gänge geschleppt! Es soll sogar noch Chefs geben, die sich ihre E-Mails ausdrucken und von der Sekretärin mit der Postmappe vorlegen lassen. Statt digitale Vernetzung als Herausforderung anzunehmen und ihre oft völlig veralteten Geschäftsprozesse an die Neuzeit heranführen, handeln viele nach dem Motto: Nur nix Neues, bleiben wir schön beim Alten!

Ein erschreckendes Beispiel soll das stellvertretend verdeutlichen: Jeder weiß, dass es dank E-Mail, Laptops oder Smartphones und allgegenwärtigem Internet im Grunde völlig egal ist, wo der moderne Wissensarbeiter seiner Beschäftigung nachgeht: Im Büro oder im Home Office, im Zug oder im nächsten Starbucks Café oder vielleicht auf einer Bank im Park. Aber anstatt die Leute wo und wann sie wollen arbeiten zu lassen, verlangen 75 Prozent der deutschen Arbeitgeber, wie eine Studie des IT-Branchenverbands BITKOM unlängst ergab, von allen Mitarbeitern ständige Präsenzpflicht. Ja, Ausnahmen bestätigen die Regel. Microsoft hat in seinem Münchner Hauptsitz die Regelarbeitszeit abgeschafft. Aber Realität ist: Deutsche Chefs misstrauen ihren Untergebenen. Sie glauben nicht, dass sie ohne ständige Aufsicht produktiv arbeiten können. Dass eine solche Einstellung in Wahrheit das Eingeständnis des eigenen Versagens als Führungsverantwortlicher ist, ist solchen Vorgesetzten nicht beizubringen.  Moderne, ziel- und ergebnisorientierte Führung? Arbeiten in autonomen Teams? Fehlanzeige!

Nicht, dass sich große wie kleine Unternehmen in Deutschland nicht mit den Fragen der digitalen Zukunft beschäftigen würden. Nur: Es bleibt allzu oft beim Nachdenken und beim Diskutieren. 58 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben sich einer Studie der Crisp Research AG zufolge bisher höchstens theoretisch mit der Digitalisierung ihres Geschäfts beschäftigt. Ebenso viele befürchten laut einer Studie von Analysten der Everton Group, dass sie nicht über genügend Ressourcen verfügen, um ihr Geschäft zu digitalisieren.

Schlagworte wie „Big Data“, „Social Media“ und „Mobile Computing“ sind schon seit Jahren in aller Munde und man könnte deshalb vielleicht meinen, die Digitale Transformation sei vorrangig eine Frage der Technik. In Wirklichkeit ist sie Chefsache – und wenn sich der Chef vor der Zukunft verschließt, nützt alle Technik nichts.

Doch auch auf die Mitarbeiter kommen Herausforderungen zu, für die die meisten nur schlecht oder überhaupt nicht gerüstet sind. Der autonome Mitarbeiter von morgen wird ein qualifizierter Mitarbeiter sein müssen. Für Mittelmaß ist in der digitalen Wirtschaft kein Platz. Wer als junger Mensch seine Qualifikation vernachlässigt, der wird bei Aldi an der Kasse landen oder als Hartz 4-Empfänger. Und er wird selber schuld sein. Man kann jedem jungen Menschen nur raten, alles zu tun, um sich bestens ausbilden zu lassen. Wobei es nicht so wichtig, welchen Job jemand lernt, sondern ob er die Fähigkeit entwickelt hat, sich schnell auf sich verändernde Situationen in der Arbeitswelt umzustellen. Denn die Zeiten, in denen einer bis zur Rente am gleichen Schreibtisch saß oder an der gleichen Werkbank stand sind längst vorbei. 

Deutschland steht nämlich vor einer Beschäftigungskatastrophe, und sie ist selbstgemacht. Vor ungefähr 40 Jahren haben die Deutschen kollektiv beschlossen, keine Kinder mehr in die Welt zu setzen. Das Ergebnis ist eine „Bevölkerungspyramide“, die eher wie ein fettleibiger Frührentner mit Schwimmringbauch aussieht.

Der demoskopische Wandel wird in den nächsten Jahren unerbittlich zuschlagen. VW weiß heute schon nicht mehr, wie sie die vielen Baby Boomer ersetzen sollen, die in den nächsten fünf Jahren in Pension gehen werden. Die Antwort lautet: Qualifikation und Automation. Firmen müssen in die eigenen Leute investieren und dafür sorgen, dass sie höherwertige Aufgaben erledigen können. Und alles, was nach kopfloser Routinearbeit aussieht, können Roboter in Zukunft besser und billiger.

Auch unter den Arbeitnehmern wird es „Verlierer“ der Digitalen Transformation geben. Ganze Berufsgruppen sind von Aussterben bedroht, Tageszeitungsjournalisten, zum Beispiel, aber auch Briefträger, Zählerableser, Standbohrmaschinenarbeiter und Steuerbeamte. Sie alle stehen auf der List der „10 meistgefährdeten Jobs“, die das TIME Magazin kürzlich veröffentlicht hat. Jungen Menschen kann man nur raten, sich die Liste ganz genau anzusehen – und sich für einen anderen Beruf zu entscheiden.

Ein vielzitiertes Vorzeigeprojekt der Bundesregierung ist die vollständige Vernetzung der Fertigungsindustrie, Stichwort „Industrie 4.0“. Ganz abgesehen davon, dass die Deutschen anders zählen als der Rest der Welt, für die gerade eben das Zeitalter der dritten Industriellen Revolution im Zeichen des „Industrial Internet“ angebrochen ist, scheint die Politik hier einem gigantischen Selbstbetrug aufzusitzen, wie das manager magazin im Frühjahr titelte. Einer Studie von Techconsult zufolge kennen zwei Drittel der Manager in deutschen Fertigungsunternehmen den Begriff “Industrie 4.0“ überhaupt nicht. Nur 44 Prozent der im Maschinenbau beschäftigten Manager sind sich der Notwendigkeit bewusst, Bestrebungen, Maschinen, Produktionsanlagen, ERP-Systeme, Produkte und Informationstechnologie miteinander zu vernetzen, im Fahrzeugbau sind es sogar nur 38 Prozent, in der chemischen Industrie liegt die Zahl bei 22 Prozent.

„Die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland hängt entscheidend davon ab, wie zügig und gut es gelingt, die klassische Produktion zu digitalisieren und neue Geschäftsmodelle zu entwickelt“, sagte BITKOM-Vorstand Winfried Holz, im Zivilberuf Deutschlandchef des IT-Dienstleisters Atos, auf der diesjährigen CEBIT. Wer sich jetzt nicht mit dem Thema auseinandersetze, könne den Anschluss verpassen, warnte er.

Deutschland am digitalen Scheideweg: Die Gefahr ist tatsächlich groß, dass andere Länder vor allem in der so genannten Dritten Welt zu Deutschland aufschließen oder uns sogar überholen. Besonders besorgniserregend ist der viel zu schlappende Ausbau superschneller Internetverbindungen auf der Basis von Glasfasertechnik. Hier rangiert Deutschland einer Studie der OECD zufolge auf dem vorletzten Platz unter den entwickelten Volkswirtschaften mit einem Erschließungsgrad von gerade einmal 1,1 Prozent. Zum Vergleich: In Südkorea surfen fast 70 Prozent der Bevölkerung mit Highspeed, in Ländern wie Tschechien, Estland oder Schweden sind es zwischen 30 und 40 Prozent.

Kein Zweifel: Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen, wenn dieses Land nicht den Zug in die digitale Zukunft verpassen und als Wirtschaftsstandort in die Bedeutungslosigkeit zurückfallen soll.  Und es ist vor allem die IT, die bei der Digitalen Transformation eine Vorreiterrolle für den Unternehmenserfolg spielen wird – oder nicht!

Bei der strategischen Ausrichtung der IT wird es besonders darauf ankommen, die Vernetzung in den Unternehmen zu Ende zu führen und die bestehenden Systems tatsächlich so miteinander zu verbinden, dass Informationen frei und ungehindert fließen können. „The right information at the right place and time“, so lautete schon vor Jahren das Firmenmotto von IBM. Was geblieben ist, ist Stückwerk: Digitale Inseln, die zwar für sich gesehen ganz gut funktionieren, denen aber die Fähigkeit fehlt, mit anderen Systemen in und außerhalb des eigenen Unternehmens zu kommunizieren und Informationen auszutauschen. Unternehmen geben Unsummen aus für so genannte CRM-Systeme, in denen wertvolle Kundeninformationen siloartig angehäuft und verwaltet werden. Nur erfährt davon niemand in den anderen Abteilungen etwas: im Vertrieb, in der Produktentwicklung, im Kundendienst  oder im Beschwerdemanagment, so diese Informationen dringend benötigt würden.

In jedem deutschen Unternehmen schlummern riesige Datenschätze, die geborgen werden müssen, wenn wir die Wende in Richtung Digitaler Transformation hinbekommen wollen.   Schon vor 20 Jahren hat der damalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer in einer Bilanzpressekonferenz gestöhnt: „Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß, dann wären unsere Zahlen besser“. Daran hat sich bis heute im Grunde nichts geändert. Die IT muss sich immer weiter öffnen, damit digitale Informationen dorthin gelangen können, wo sie wirklich benötigt werden. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg…

Über den Autor

Tim Cole ist Internet-Publizist, Blogger, Moderator und Autor. Sein neues Buch, „Digitale Transformation“, erscheint in diesen Tagen im Münchner Vahlen-Verlag (Beck-Gruppe). ISBN 978-3-8006-5043-9